Posttraumatische Störung  

Behandlung durch Traumatherapie  

Einfache posttraumatische Störung (Typ-I-Trauma) bzw. komplexe posttraumatische Störung (Typ-II-Trauma) 


A. Behandlung der (einfachen) posttraumatische n Störung (PTBS) oder Typ-I-Trauma

Die in unserer Abteilung durchgeführte Integrative Trauma-Therapie orientiert sich an dem Dreiphasenmodell, welches sich in der modernen Trauma-Therapie durchgesetzt hat und den wissenschaftlichen Leitlinien  entspricht:  

·      Stabilisierung

·      Traumaexposition (Arbeit mit den traumatischen inneren Bildern)

·      Neuorientierung (Leben „nach dem Trauma“) 

Posttraumatische Störung: Stabilisierungsphase

Bei jeder Trauma-Therapie ist die Stabilisierungsphase die erste Stufe der Behandlung und bildet die Grundlage und Voraussetzung für alle weiteren Schritte. In dieser Stabilisierungsphase geht es nach der Herstellung eines tragfähigen Arbeitsbündnisses in einer ausreichend guten therapeutischen Beziehung darum, Gegenbilder zu den Schreckensbildern zu finden und Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu üben. Das Erlernen von  Distanzierungsmöglichkeiten von den traumatischen Erinnerungen hilft bei der Steuerung von schwierigen, zum Teil überflutenden Bildern und führt zu einem heilsamen Umgang mit dem eigenen Körper. In unserer Klinik erhalten Sie zu diesem Zweck eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie in achtsamer und wohlwollender therapeutischer Haltung.  

In einer spezifischen Trauma-Therapiegruppe erlernen Sie heilende und stabilisierende Imaginationen und schulen Ihre Achtsamkeit. Darüber hinaus wird dieser Stabilisierungsprozeß durch Körperübungen z.B. aus dem Qigong oder Yoga bzw. durch strukturierendes kreatives Gestalten unterstützt. Die Wiederentdeckung verschütteter kreativer Potentiale hat - entsprechend dem ganzheitlichen Ansatz der „Integrativen Trauma-Therapie“ - einen hohen Stellenwert, der sich auch in den vielfältigen körperorientierten und kreativtherapeutischen Angeboten in unserer Abteilung ausdrückt. 

Auch Entspannungsverfahren wie z.B. die traumamodifizierte Muskelentspannung nach Jacobson (PMR) haben einen wichtigen Platz in unserem Trauma-Therapiekonzept. Ebenso bedeutsam ist ein entsprechend breites sportliches Angebot einschließlich therapeutischem Boxen zum gerichteten und zentrierten Umgang mit aggressiven Impulsen bei entsprechender Indikation.  

Traumaexpositionsphase (Begegnung mit den traumatischen inneren Bildern) 

Wenn eine ausreichende Stabilität erreicht worden ist, können in Phase II der Trauma-Therapie, der Traumaexposition, die traumatischen Ereignisse selbst bearbeitet werden. Hierfür verwenden wir hauptsächlich die Beobachtertechnik, die Bildschirmtechnik sowie EMDR. 

Traumaintegration (Das Leben nach dem Trauma) 

Ist durch die Traumaexposition die Traumabearbeitung gelungen und klingt die posttraumatische Störung mit ihrer Symptomatik ab, geht es in Phase III der Trauma-Therapie um die Integration und Neuorientierung. Hierbei stehen  Fragen nach der Bedeutung der Traumatisierung für das künftige Leben im Vordergrund. Oft ist Trauerarbeit um das, was fehlte, was nicht so war, wie es notwendig gewesen wäre, erforderlich. Durch diese Auseinandersetzung können Wunden dann schließlich auch heilen und bisher gebundene Kräfte und Potentiale werden frei für die eigene künftige Lebensgestaltung. So kann es möglich werden, dass die oder der Betroffene im Idealfall gereift aus dem durch das Trauma geprägten Lebensabschnitt hervorgeht und positive Konsequenzen für seine künftige Lebensgestaltung ziehen kann, die ohne das Trauma so nicht möglich gewesen wären.  

B. Behandlung der komplexen posttraumatische n Störung (PTBS) oder Typ-II-Trauma 

Die Behandlung der chronisch komplexen posttraumatische n Störung, gestaltet sich - wie schon aus den  beschriebenen vielfältigen Symptome deutlich wurde -  vielfältiger, schwieriger und erstreckt sich über einen wesentlich längeren Zeitraum als die der einfachen posttraumatische n Störung. Oft handelt es sich um jahrelange therapeutische Begleitung im ambulanten Bereich mit Intervallen stationärer Behandlung. Nicht selten bleibt die traumatische Biographie mit ihren Auswirkungen lebenslange Bewältigungsaufgabe für die Betroffenen.  

Posttraumatische Störung: Die Behandlung beinhaltet die wesentlichen  Bereiche: 

·      die therapeutische Beziehung

·      die Stabilisierung

·      die Bearbeitung traumatischer Erinnerungen

Posttraumatische Störung: Therapeutische Beziehung 

Die therapeutische Beziehung ist die wesentliche Grundlage jeder Therapie. Menschen mit chronisch komplexer posttraumatische r Störung leiden - entsprechend  ihrer gestörten Entwicklung - unter schwerwiegenden Beziehungsstörungen. Diese können auch die therapeutische Beziehung belasten, sie  bedarf deshalb der ganz besonderen Aufmerksamkeit. So machen manche Patienten in der Klinik zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung, dass sie einerseits klare Grenzen gesetzt bekommen, andererseits aber auch  innerhalb dieses Rahmen selbst entscheiden und handeln dürfen, ohne dass sie „verlassen“ oder „bestraft“ werden. Die therapeutische Beziehung muss oft in mühsamen und kleinen Schritten erarbeitet werden und ist im Verlauf der Therapie weiterhin leicht störbar.  

In unserer Arbeit mit chronisch komplex traumatisierten Patienten ist es uns ein besonderes Anliegen, möglichen „Therapie-Stress“ zu vermeiden und eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Patienten sich sicher und wohl fühlen können. Eine wichtige Rolle zu Beginn jeder Therapie spielt dabei Aufklärung und Information.  

Im Umgang mit dem verletzten, hilfsbedürftigen, ohnmächtigen Anteil des Patienten hat sich folgende therapeutische Haltung bewährt: Zwei Erwachsene von heute - der erwachsene Anteil der PatientIn und die Therapeutin - kümmern sich um das verletzte „innere Kind“ , wobei die erwachsene Person von heute so viel wie möglich Verantwortung für ihr jüngeres Ich übernimmt. Bei chronisch komplex traumatisierten Menschen findet man besonders häufig verschiedene, einander stark widersprechende innere Ich-Zustände. So könnte z.B. die erwachsene Person dringend Therapie wünschen, aber kindliche, traumatisierte innere Anteile fürchten sich davor. Möglicherweise gibt es sogar Persönlichkeitsanteile, die radikal gegen die Therapie sind. Solche starken Widersprüche können der Patientin zwar bewusst sein, aber in der Regel fühlt sie sich zu Beginn der Therapie hierdurch verwirrt und hilflos ausgeliefert.

Konzepte zum Umgang mit inneren Anteilen, die diese quasi wie eigenständige Personen behandeln, finden wir hier außerordentlich kreativ. Im Fall des Arbeitsbündnisses bedeutet dies, dass wir als Therapeuten versuchen, mit all diesen verschiedenen inneren Anteilen der Patientin zu einer Verständigung hinsichtlich der Therapie zu kommen  - und das kann viel Zeit in Anspruch nehmen.  

Posttraumatische Störung: Stabilisierung 

Diese Phase der körperlich-seelischen Stabilisierung bildet für Patienten mit chronisch komplexer posttraumatische r Störung den zentralen Teil der Therapie. Die Stabilisierung erhält hier eine noch wesentlich grundlegendere Bedeutung. Prinzipiell soll durch die Stabilisierung eine Stressreduktion erfolgen. Die Betroffenen sollen lernen, sich selbst zu beruhigen, sich zu trösten und somit unabhängiger äußerer Hilfe werden. Dies fördert das Gefühl von Sicherheit und Eigenkontrolle:  

Hierzu wird die äußere und innere Sicherheit aufgebaut. Auch die Gestaltung des sozialen privaten sowie beruflichen Bodens zu Hause nimmt einen zunehmend großen Raum im klinischen Alltag ein. Unsere Sozialberaterin spielt dabei oftmals eine wegbereitende Rolle. 

Dazu gehört auch die Anerkennung und Würdigung der bisherigen Bewältigungsstrategien. So manche unserer Patientinnen erleben sich bei uns zum ersten Mal in ihrer selbst früh schon entwickelten Strategie, sich in der Phantasie einen sog. „inneren sicheren Ort“ zu schaffen, bestätigt. 

Weitere Schritte sind die Vermittlung von Wissen über Traumafolgen, sowie das Erlernen von heilsamen Imaginationen und vernunftmäßigen Überzeugungen. Auch die eigenen Gefühle zu regulieren wie z.B. bei Gefühlsüberflutung, aber auch Gefühle zu unterscheiden (bedeutet die Spannung Angst oder Freude?), kann erlernt werden. Oft werden in dieser Phase zum Teil verschüttete, zum Teil aber auch neue Ressourcen bzw. Kraftquellen gefunden, die nun genutzt werden können.           

Voraussetzung einer guten Selbstfürsorge ist eine  differenzierte Körperwahrnehmung und ein liebevoller Umgang mit dem Körper, der mit zunehmender Achtsamkeit immer leichter fällt.  

Zu einer ausreichenden Stabilisierung gehört es, den Umgang mit dem traumatischen Material kontrollieren zu lernen und dies zu üben. Dazu gehört  z.B. die Aufforderung, im klinischen Rahmen nicht mit Mitpatienten Einzelheiten der erlebten Traumata auszutauschen, sondern dafür den gesicherten Rahmen des therapeutischen  Einzelgesprächs  zu nutzen.  

Wichtig ist uns in jedem Fall die Verminderung von zusätzlichen Symptomen wie selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen und Suchtverhalten, hier werden mit den Patienten Zielvereinbarungen über eine Reduktion getroffen, deren Einhaltung auch überprüft und thematisiert wird.  

Nicht behandeln können wir auf unserer Abteilung Patienten mit akuter Suizidalität  und stoffabhängigen Süchten.

Angebote zur Stabilisierung in unserer Abteilung:  

 Ø Verschiedene Informationsveranstaltungen zum klinischen Ablauf und zu den
      Krankheitsbildern bzw. therapeutischen Ansätzen
Ø Stabilisierungs-Gruppe: Imaginationsübungen, Gespräche bzw. Austausch über hilfreiche
       Praktiken im Alltag
Ø Strukturierte Leib- und Bewegungstherapie mit Elementen aus Qigong, Tai Chi
Ø Gestaltungstherapie wie Malen, Umgang mit Ton
Ø Achtsamkeitsübungen für die verschiedenen Sinnesqualitäten wie Sehen, Hören, Riechen,
       Schmecken und Tasten
Ø Therapeutische Einzelgespräche einschließlich medizinischer Betreuung
Ø Kontakte mit Pflegepersonal
Ø Entspannungsmethode einer traumamodifizierten Progressiven Muskelrelaxation (PMR)
       nach Jacobson
Ø wöchentliche Stationsvollversammlungen
Ø Physiotherapeutische Angebote in Gruppen bzw. Einzelsitzungen
Ø Yoga und Meditation
Ø Ein vielfältiges sportliches Angebot
Ø Balneophysikalische Maßnahmen wie Massagen, Schwimmen u.a.
Ø auf Wunsch seelsorgerische Kontakte

Posttraumatische Störung: Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen / inneren Bilder 

Die direkte Traumabearbeitung erfolgt bei Patienten mit chronisch komplexer posttraumatische r Störung erst, wenn eine ausreichende Stabilisierung erreicht werden konnte. Das bedeutet für uns, dass die Patienten die erlernten Imaginationsübungen anwenden und sich selbst beruhigen können, dass sie nicht mehr dissoziieren und in der Lage sind, Spannungsreduktion anders als durch Selbstverletzung herbeizuführen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass ein ausreichend sicherer Rahmen für eine kontrollierte Begegnung mit den Erinnerungsbildern gegeben ist. Sonst besteht die Gefahr einer  Re-Traumatisierung durch die Therapie!   

Bei PatientInnen mit chronisch komplexem Trauma geht es somit zu allererst um eine ausreichende „Alltagstauglichkeit“, in den meisten Fällen also zunächst um eine Bearbeitung der anstehenden Alltagsbelastungen, die in der nahen Zukunft erwartet werden. Ein Beispiel: „Wenn ich wieder zu Hause bin, wird mein Kind irgendwann nachts wieder schreien und das löst bei mir schreckliche Ängste aus. Ich kann dann fast nicht mehr laufen...“. Ein weiterer Schwerpunkt werden danach traumatische Erlebnisse der Gegenwart z.B. Auslöser (Trigger) sein, die zu Flashbacks (einschießende Erinnerungsbilder) führen. Eine Bearbeitung des vergangenen Traumamaterials ist nur bei ausreichender Stabilität der innerseelischen Struktur und des äußeren sozialen Rahmens sinnvoll und nachhaltig erfolgreich. Zahlreiche Untersuchungen zur Trauma-Therapie haben dieses Vorgehen in Beziehung zu positiven Behandlungsergebnissen immer wieder bestätigt.  

Posttraumatische Störung: Integrationsphase

Nach jeder Traumabearbeitung eines Teilaspektes ist es notwendig, die gewonnene Erfahrung zu integrieren, es ist notwendig und wichtig zu trauern um das, was fehlte. Es geht im weiteren darum, Grenzen zu akzeptieren - auch die Grenzen des jeweiligen Therapieabschnittes. Die Folgen des erlebten Grauens werden erkannt, benannt und durchgearbeitet. Dies bringt Veränderungen im Umgang mit sich selbst und Veränderungen in Beziehungen, die aufs Neue erprobt und gefestigt werden sollen. Oft rücken an diesem Punkt der Therapie „normale“ Beziehungskonflikte in den Vordergrund.  

Ein Bild mag abschließend den Unterschied zwischen einfacher und komplexer posttraumatische r Störung verdeutlichen: Bei einem alten Sprengkörper, der irgendwo vergraben liegt und gefunden wird, können zunächst umfassende Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden; der Fundort wird weitrangig abgesperrt und evakuiert, es kommen Spezialisten und schließlich kann nach langen und umfangreichen Vorbereitungen begonnen werden, den Sprengkörper unschädlich zu machen. Er kann so entschärft werden, ohne neuen Schaden anzurichten. Ein einzelnes Trauma im Erwachsenenalter kann mit so einem zu entschärfenden Sprengkörper verglichen werden.  

Menschen mit einer chronisch komplexen Störung scheinen jedoch eher in einem ganzen Minenfeld zu leben, wo es gilt, die lebensnotwendigen gesicherten Pfade im notwendigen Umfang und mit der notwendigen Sorgfalt auszubauen, sie darüber hinaus jedoch tunlichst nicht zu verlassen.  

B. Landgrebe

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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