POSTTRAUMATISCHE
STÖRUNGEN
In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass viele psychische Störungen durch seelische Traumata verursacht werden, was inzwischen auch wissenschaftlich erforscht und belegt ist. Dabei ist es wichtig, dass es bestimmte Ereignisse gibt, welche die Selbstheilungskräfte der Psyche überfordern und auch bei „gesunden“ Menschen entsprechende posttraumatische Störungen hervorrufen können. Dies geschieht besonders häufig in Situationen, die mit den Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein verbunden sind und die natürlichen menschlichen Bewältigungsstrategien, nämlich Kampf oder Flucht („fight or flight“), versagen. Nach beispielsweise einem Raubüberfall (wovon z. B. Bankangestellte leider gar nicht so selten betroffen sind!), kann sich zunächst ein „psychischer Schock“ einstellen, wo alle Gefühle „abgeschaltet“ werden und der Organismus nur noch auf das „Überlebensprogramm“ umschaltet. In den nächsten Tagen und Wochen kann sich diese Erstarrung, dieses Gefühl des „Eingefrorenseins“ langsam wieder lösen und es treten Ängste, Schlafstörungen, Alpträume und verfolgende innere Bilder auf, in denen das Trauma immer wieder durchlebt wird. Dieser Verlauf ist völlig „normal“ und gehört zum Selbstheilungsprozess der Psyche, so dass keine posttraumatische Störungen auftreten müssen, sondern das Trauma verarbeitet werden kann und die seelischen Wunden verheilen. Sind die Heilungsbedingungen jedoch ungünstig, werden die Betroffenen mit ihren Nöten z. B. nicht ernst genommen („das war doch gar nicht so schlimm“, „es ist doch nichts passiert“, „am besten, Du vergisst das Ganze schnell“), so kann sich die Erstarrung nicht lösen und aus dem psychischen Schock können sich posttraumatische Störungen entwickeln. Dies können traumatisch bedingte Ängste und Angststörungen sein, traumatisch bedingte Depressionen oder auch das Vollbild der posttraumatischen Störungen, in der die oben genannten akuten Symptome nach dem Trauma sich nicht zurückbilden, sondern chronifizieren. Dies sind dann Schlafstörungen mit Alpträumen, verfolgende innere Filme von dem erlittenen Trauma, innere Unruhe und Übererregtheit, die häufig verbunden sind mit dem Gefühl der gleichzeitigen inneren Betäubung. Weiterhin treten auch Ängste mit Panikgefühlen und auch weitere „dissoziative“ Symptome, wie Fremdheitsgefühle, Erinnerungslücken und dergleichen mehr auf. Wichtig ist also festzuhalten, dass es
Traumata gibt, die bei allen Betroffenen posttraumatische Störungen hervorrufen
können! Völlig selbstverständlich ist gleichzeitig, dass jemand, der bereits ein solches Trauma erlebt hat, im Wiederholungsfall verwundbarer ist, da das Trauma eine alte Wunde wieder aufreißt. Hierdurch wird verständlich, dass jemand auch nach scheinbar nicht so gravierenden traumatischen Erfahrungen posttraumatische Störungen entwickeln kann, eben weil es in der Vorgeschichte bereits Traumata gegeben hat. Hierbei spielt natürlich auch die Kindheit wieder eine große Rolle. Hat es dort gute Entwicklungsmöglichkeiten gegeben, so kann jemand mit Schicksalsschlägen auch besser umgehen, sie besser verkraften. Gab es dort ungünstige Bedingungen, ist auch die Anfälligkeit höher, bei belastenden Erfahrungen psychische Störungen zu entwickeln. Gar nicht so selten ist dabei, dass kindliche Traumata durch körperliche und /oder sexuelle, aber auch seelische Gewalt wie Vernachlässigung, aber auch lange Krankenhausaufenthalte und Ähnliches (Typ II Traumata), lange Zeit verdrängt und scheinbar „vergessen“ sind und dann durch scheinbar harmlose Ereignisse im Erwachsenenalter reaktiviert werden. Menschen, die ein völlig „normales“
Leben geführt und „funktioniert“ haben, geraten durch ein scheinbar gar nicht so
schlimmes Ereignis in eine schwere Krise, da die alten verdrängten Traumata
wieder aufbrechen und tatsächlich völlig „vergessene“ traumatische Erfahrungen
z. B. durch Alpträume und „innere Horrorfilme“ und andere „dissoziative“
Symptome ins Bewusstsein drängen und die Betroffenen nicht mehr damit fertig
werden.
Posttraumatische Störungen: Welche Diagnosen gibt es? Wichtig ist dabei, dass die
Betroffenen nicht nur unter einer, sondern unter mehreren posttraumatischen
Störungen gleichzeitig leiden können! (sog. „Komorbidität“)
2)
Posttraumatische Störungen:
Was kann man tun? Erleidet jemand ein Trauma und die
Selbstheilungskräfte reichen nicht aus, um dieses Ereignis zu verarbeiten,
sondern es entwickeln sich die Symptome einer posttraumatische n
3)
Posttraumatische Störungen:
Wie sieht unser Behandlungsangebot
aus? Speziell für posttraumatische Störungen haben wir in unserer Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I in Bad Zwesten vor einigen Jahren das Konzept der „Integrativen Traumatherapie“ entwickelt. Gemäß unseres humanistischen Menschenbildes arbeiten wir mit einem störungsspezifischen und dennoch ganzheitlichen Ansatz, in dem insbesondere die Selbstheilungskräfte und Ressourcen des Menschen im Vordergrund stehen, damit Betroffene gemeinsam mit unserer therapeutischen Unterstützung in einem lösungsorientierten Vorgehen die traumatischen Erfahrungen schließlich überwinden können. Daher behandeln wir auch nicht „das
Trauma“, sondern Menschen, die traumatische Erfahrungen erlitten haben! Wir
versuchen gemeinsam mit den Betroffenen zu verstehen, wie sich die traumatischen
Erfahrungen ganz speziell in ihrem Leben ausgewirkt haben und welcher ganz
spezifischen und individuellen therapeutischen Hilfe und Unterstützung es zu
deren Überwindung und Verarbeitung (Integration) bedarf. Unser therapeutisches Angebot orientiert
sich an dem von Janet entwickelten und von Judith Herman später aufgegriffenen
3-Phasen-Modell der Traumatherapie, welches sich in der modernen Traumatherapie
auch durchgesetzt hat und den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der
wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) entspricht:
-
Stabilisierung
-
Traumaexposition (Synthese)
-
Re-Integration und Neuorientierung Grundlage der Traumatherapie ist immer
eine ausreichende psychophysische Stabilisierung. Unsere ganzheitliches
integratives Traumatherapieangebot ist dabei stark ressourcenorientiert, d. h.
es wird versucht, die ganz individuellen Kraftquellen und Selbstheilungskräfte
des Menschen (wieder-) zu entdecken und im Sinne der Heilung zu aktivieren.
Diese ganzheitliche humanistische Überzeugung findet auch in unserer
therapeutischen Haltung ihren Ausdruck, da sich in der Therapie zwei erwachsene
Menschen begegnen, die sich um Hilfe z. B. für ein verletztes Kind bemühen.
Getragen von dieser annehmenden Haltung werden viele Symptome, die heute Leid
verursachen, als früher sinnvolle Bewältigungsstrategien verstanden. Um „unaushaltbare“
Erfahrungen (Traumatisierungen) ertragen zu können, waren diese
Bewältigungsstrategien überlebenswichtig. Im Erwachsenenleben wirken sich diese
früher sinnvollen Strategien dann oft aber störend aus und beeinträchtigen zum
Teil schwerwiegend die persönliche Lebensgestaltung und verursachen Leid. In
diesem Licht betrachtet müssen Symptome dann nicht bekämpft werden, sondern sie
werden als für das traumatisierte Kind sinnvolle und überlebenswichtige
Bewältigungsstrategien verstanden, verabschiedet und von für den erwachsenen
Menschen hilfreicheren Bewältigungsstrategien abgelöst. Unser therapeutisches Angebot für posttraumatische Störungen besteht dabei aus einer Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie. Die spezifischen Therapieangebote sind dabei eingebettet in eine wohlwollende und annehmende therapeutische Haltung, der auch die Atmosphäre unserer therapeutischen Gemeinschaft entspricht. In der ersten Phase der Stabilisierung geht es zunächst um eine Kontakt- und Beziehungsaufnahme zwischen PatientIn und TherapeutIn, da eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung die Grundlage aller Therapieangebote ist. Wir berücksichtigen selbstverständlich gerne das Bedürfnis nach einer weiblichen Bezugstherapeutin, wobei wir ansonsten in den Gruppen bewusst ein gemischtgeschlechtliches Setting anbieten. Die Diagnostik wird bei den posttraumatische n Störungen auf das für das Verständnis der Problematik und für die Therapie Notwendigste beschränkt, da „aufdeckende“ Befragungen bezüglich der traumatischen Biografie und detailliertes „Herausarbeiten“ traumatischer Erfahrungen für die Betroffenen erwiesenermaßen schädlich sind. Falls erforderlich, werden die therapeutischen Anamnesegespräche durch entsprechende Fragebögen ergänzt. Schwerpunkt der Stabilisierung ist die Wiederlangung von Sicherheit und Kontrolle für die Betroffenen, um wieder die Erfahrung machen zu können, nicht nur hilflos ausgeliefert zu sein, wie es der traumatischen Erfahrung entspricht, sondern auch bedrängende Situationen beeinflussen und gestalten zu können. Hierzu gehört u. a. die Identifizierung und zunächst Meidung von Triggerreizen, das Erstellen von „Notfallplänen“ und die Erarbeitung eines „Stressmanagements“, um z. B. zu lernen, mit Spannungszuständen anders umgehen zu können, als sich selbst verletzen zu müssen. Weiterhin nimmt die Förderung der Fürsorge für sich und das verletzte „innere Kind“ eine wichtige Rolle ein. In den Therapiegruppen werden vor allem mit Imaginationsübungen sog. „Copingstrategien“ vermittelt, um den Betroffenen zu ermöglichen, sich in Momenten der Not auch selber helfen zu können und nicht immer auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Unterstützt wird dieser Prozess durch Körperübungen z. B. aus dem Qi Gong und dem Tai Chi und anderen strukturierenden Körpertherapietechniken, sowie durch strukturierendes Gestalten. Entsprechend unserem humanistisch - gestalttherapeutischen Ansatz der „Integrativen Traumatherapie“, für den der Mensch in seiner Ganzheit mit all seinen Wachstumsimpulsen im Mittelpunkt steht, haben die (Wieder-) Entdeckung (verschütteter) kreativer Potentiale einen hohen Stellenwert, der sich auch in den entsprechenden therapeutischen Angeboten ausdrückt. Mit der traumamodifizierten Muskelentspannung (modifiziertes Entspannungstraining nach Jacobsen/PMR) kann ein kontrolliertes Entspannungsverfahren erlernt werden. Da für den Abbau von Spannungszuständen auch körperliche Aktivitäten wichtig sein können, bieten wir ein entsprechendes breites sportliches Angebot an, ebenso ein moderates Ausdauertraining, welches sich auch wissenschaftlich für das psychische Wohlergehen als hochwirksam erwiesen hat. Als spezifisches Aggressionstraining steht bei entsprechender Indikation auch das therapeutische Boxen zur Verfügung. Abgerundet wird dieses ganzheitliche Angebot durch ein vielseitiges Ernährungsangebot, das von „normaler“ Vollkost bis zu (vegetarischer) Vollwertkost reicht. Konnte eine ausreichende Stabilität
erarbeitet werden, kann dann in Phase II der Traumatherapie versucht werden, die
eigentlichen Traumata zu bearbeiten. Hierzu bedarf es spezieller Techniken, da
sich in der Vergangenheit leider immer wieder gezeigt hat, dass sich durch das
bloße „darüber reden“ (völlig unabhängig von der therapeutischen Schule) keine
wirkliche Verbesserung der posttraumatischen Störungen erreichen ließ bzw. es
sogar zu Verschlimmerungen führen konnte. Durch spezielle Techniken wie die
Bildschirmtechnik oder vor allem auch EMDR, dessen Wirksamkeit durch eine
Vielzahl von Studien belegt werden konnte und welches wir häufig anwenden,
können in spezifischen Traumaexpositionen die traumatischen Erfahrungen
durchgearbeitet werden. Ist durch die Traumaexposition die
Traumasynthese gelungen und klingen die posttraumatische Störungen mit ihrer
Symptomatik ab, geht es in Phase III der Traumatherapie dann um die
Re-Integration und Neuorientierung. Dabei können Fragen bedeutsam werden, welche
Bedeutung die Traumatisierung nun für mein Leben hat, wie es in meinem Leben
jetzt weitergehen soll und dergleichen Fragen mehr. Hier geht es oft auch um
Trauerarbeit um das, was nicht so war, wie es hätte sein sollen. Durch die
Auseinandersetzung mit diesen Themen können Wunden dann schließlich auch heilen
und vernarben und bisher gebundene Kräfte und Potentiale werden frei für die
eigene Lebensgestaltung. Hier spielt natürlich auch die berufliche (Re-)
Integration eine wichtige Rolle, deren Anbahnung wir durch eine intensive
Sozialberatung gerecht unterstützen. Ziel der Traumatherapie sollte es
sein, dass die Betroffenen nicht Opfer ihrer Traumata bleiben müssen, sondern
(wieder) „die Regie in ihrem Lebensfilm“, die Verantwortung für sich und ihr
Leben (wieder) übernehmen können. Es ist klar, dass je nach Ausmaß der traumatischen Erfahrungen nicht alle Phasen der Traumatherapie während eines einzelnen stationären Aufenthaltes von 6-8 Wochen Dauer durchlaufen werden können. Je nach Art und Ausmaß der Traumata und abhängig von der posttraumatischen Störung und der persönlichen Lebenssituation, geht es bei der ersten stationären Traumatherapie häufig „nur“ um Stabilisierung, da diese, wie oben ausgeführt, die Grundlage für alle weiteren Schritte ist. Dies gilt insbesondere für länger währende (sexuelle) Traumatisierungen in der Kindheit und Jugend. Anders ist die Situation bei einmaligen sog. „Schocktraumata“(s. o.), die „gesunde“ Erwachsene treffen (z. B. Banküberfall) und eine aktuelle posttraumatische Belastungsstörung hervorrufen. Hier können durch einen einmaligen stationären Aufenthalt die posttraumatischen Störungen meist völlig zum Verschwinden gebracht werden. Bei chronisch komplexen posttraumatischen Störungen bedarf es häufig mehrerer stationärer Aufenthalte im Sinne einer stationären Intervalltherapie. Indikationen für eine stationäre
Aufnahme in unserer Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie / Integrative
Traumatherapie der Hardtwaldklinik I im Rahmen einer ambulanten Therapie sind z.
B. aktuelle Krisen (ohne akute Suizidalität) und geplante Traumaexpositionen,
die sich häufig nur im schützenden Rahmen einer auf diese Störungsbilder
spezialisierten Fachklinik durchführen lassen. Haben Sie Interesse an weiteren Einzelheiten?
Besuchen Sie
doch unsere Homepage unter
Integrative Gestalttherapie/Traumatherapie
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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